Armenien

2011/12

über die Reise

Reise nach Armenien

Für den Winter 2011/12 hatte ich mich zu einer Künstlerresidenz beim Art and Cultural Studies Laboratory in Armenien beworben. Noch nachhaltig von den Erfahrungen der Überlandreise nach Indien beeindruckt beschloss ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Yerevan zu fahren.
Ich interessierte mich zu der Zeit für Träume und Traumwelten. Zudem wurde nach einer ersten Planung schnell klar, dass ich hauptsächlich durch postsozialistische und postsowjetische Länder Reisen würde. Die meisten Menschen dort hatten einen – neben anderen wichtigen Umbrüchen – anderen Bezug zu Grenzen bekommen.
Ich bereitete einige Fragen vor, die ich unterwegs Menschen, denen ich begegnete stellte.

Für die Rückreise wählte ich eine abweichende Route zur Hinreise, so dass mich mein Weg schließlich durch 17 Länder führte. Insgesamt führte ich 42 Interviews. Ich bat die Interviewpartner meine Fragen in ihrer Muttersprache zu beantworten und erhielt so Aufnahmen in 18 Sprachen.

Die Hinreise führte von Deutschland über Prag und Brno in der Tschechischen Republik nach Bratislava, Slowakei und von dort nach Budapest und Szeged in Ungarn. Die nächsten Stationen waren Sibiu und Bukarest in Rumänien, in Bulgarien blieb ich in Sofia, Burgas und Plovdiv. Nach einem Aufenthalt in Istanbul fuhr ich nach Göreme und von dort an die Schwarzmeerküste der Türkei, so dass ich über Samsun und Trabzon nach Tiflis in Georgien kam. Die vorerst letzte Station war dann Yerevan in Armenien.
Während der Künstlerresidenz fuhr ich nach Berg-Karabach und dort auch in die vom Krieg zerstörte Stadt Agdam, die damals in einer Pufferzone zwischen den Konfliktparteien lag.
Die Rückreise führte mich erst wieder über Georgien und die Türkei nach Thessaloniki und Athen in Griechenland. Weiter ging es über Skopje und Kumanovo in Nordmazedonien nach Belgrad und Pancevo, Serbien. Als nächstes reiste ich nach Sarajevo in Bosnien und Herzegowina und von dort über Zagreb nach Knin, Kroatien. Ich machte Station in Ljubljana, Slowenien und fuhr weiter nach Venedig und Turin in Italien bevor ich über Zürich, Schweiz zurück nach Deutschland kam.

Während dieser Reise gab ich 17 Konzerte, zumeist freie Improvisationen mit unterschiedlichsten Musikern aus Jazz, Dancefloor, Improv und Klangkunst.

Während meines Aufenthaltes in Yerevan entstand soundlines, eine 8-Kanal-Installation aus den bis dato geführten Interviews und field recordings. Zudem kam es zu mehreren Koproduktionen und Kooperationen sowohl mit armenischen Künstler*innen als auch anderen ausländischen Künstler*innen in der Residency.
Aus den Aufnahmen in Agdam entstand das Stück forgotten.

Sarajevo

Im Zuge des Projekts „Actopolis“ des Goethe Instituts mit Urbane Künste Ruhr erschuf ich für „Sarajevo Album“ nach einem Konzept von Armina Pilav nebenstehende Collage. Mit folgendem Begleitext:

sarajevo – no news

Im Frühjahr 2012 kam ich zum ersten Mal in Sarajevo an. Ich kam über Land von einer Reise, die mich nach Armenien und Berg-Karabach geführt hatte, und reiste jetzt auf der Route von Griechenland nach Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina.
Es war mein erstes Mal dort, was wir den Balkan nennen. Und vorher kannte ich ihn nur spärlich und ein wenig verschwommen aus den Erzählungen meiner Eltern von ihren „Jugoslawien-Urlauben“ in den frühen 60er Jahren und dann sicher aus den Nachrichten während des Krieges.
Jetzt bin ich angekommen, alles war echt, keine Neuigkeiten.
Ich fühlte eine Art Kulturschock zwischen dem Tourismus in der Altstadt einerseits und der Tatsache, dass sie wie jeder andere touristische Ort auf der ganzen Welt gebaut zu sein schien, vollgestopft mit Souvenirs, Bars, Cafés und Sehenswürdigkeiten und andererseits den Mauern von so vielen Häusern, die noch Einschusslöcher hatten.
Nach ein paar Tagen in dem Tal, in dem Sarajevo liegt, bin ich die Hügel hinaufgelaufen, um zu sehen, wie es für die Leute ausgesehen haben muss, die darauf geschossen haben.
Ich fühlte mich in der nahen Vergangenheit der Stadt gefangen.
An meinem letzten Abend traf ich mich mit zwei Menschen aus Sarajevo, um ihnen einige Comics zu bringen, die ich aus Pancevo mitgebracht hatte. Wir trafen uns auf der berühmtesten Brücke der Stadt und danach nahmen sie mich mit auf eine Tour durch die Clubs. Endlich habe ich das aktuelle Sarajevo kennengelernt, pulsierend, weltgewandt und lebendig.

Ein Jahr später hatte ich die Gelegenheit, zurückzukommen, um einen Workshop zum Thema Zuhören zu geben und eine Aufführung in der Stadt zu geben. Bei dieser Gelegenheit hörte ich von dem Projekt der „Unsichtbaren Grenze“ und war dankbar, dass mir ein Teil davon gezeigt wurde. Ich habe die Umgebung aufgenommen. Die Aufnahme verrät keine Grenze. So wenig wie sie sichtbar ist.
Dennoch steht Sarajevo in Deutschland nur dann im Fokus, wenn etwas passiert, was wir gerne Krise nennen. Alles, was ich erlebt habe, ist „no news“.